tożsamość / identity / identität

Wir leben in extrem beschleunigten Zeiten, in denen wir immer weniger Chancen haben, uns mit dem festgelegten beständigen Kulturkode vertraut zu machen und uns an ihn zu gewöhnen. Unsere Identität wird allmählich zu einer Resultante, Entdeckung, einem Projekt für einen konkreten Tag. Wir bauen uns unterwegs auf, wie ein enthusiastischer Entdecker neuer Sitten anmerkt. Was bedeutet das eigentlich? Genau das, dass wir die Inspiration sprunghaft, selektiv und zufällig aus der Welt schöpfen. Wir können also unsere Identität von Tag zu Tag aus nichts kreieren, aus Bruchstücken, aus der populären Kultur, aus Abfällen oder erhabenen Dingen. Kein Element einer so verstandenen Identität ist jedoch beständig, schlimmer noch, keines von ihnen korrespondiert mit dem traditionell verstandenen Kulturkanon. Jeder Mensch – Reisender oder der sich selbst entdeckende Tourist fühlt sich in diesem Kontext sehr einsam. In der Form der Welt, wie sie Wissenschaftler beschreiben, zählt die Unterschiedlichkeit und Frische der Inspiration. Psychologen und Soziologen schlagen jedoch Alarm, denn die Elemente, aus denen Menschen sich konstruieren, schließen sich oft aus. Konstruieren ihre Botschaft die Künstler, die sich mit dem Wesen der Identität beschäftigen, etwa nicht so?

Agnieszka Kłos
Aus der Einführung zum Ausstellungskatalog
Übersetzung aus dem Polnischen: Urszula Usakowska-Wolff


Der Ausstellungskatalog ist in polnischer und englischer Sprache erhältlich.

VERNISSAGE
23. November, Freitag, 20.00 Uhr

Die KünstlerInnen sind anwesend.

Hier die Einladung als pdf-Datei


• Bilder aus der Vernissage (fotografiert von Danuta Kisiel)

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• Einführung von Urszula Usakowska-Wolff

"Der Erfolg hat viele Väter", pflegt man zu sagen, wenn ein Vorhaben gelingt. Im Falle der heutigen Ausstellung sind es vor allem die Mütter, denen es zu verdanken und zu danken ist, dass die polnische Gruppenschau "Tożsamość/Identity/Identität" in Berlin gezeigt werden kann. Zu den Müttern des Erfolgs gehören zuallererst Urszula Śliz, die Künstlerin aus Wrocław, die an mich mit der Idee herangetreten war, die von ihr konzipierte und kuratierte Schau in der deutschen Hauptstadt zu präsentieren. Tanja Hofmann erklärte sich in einem Rekordtempo bereit, die Räume der von ihr geleiteten Otto-Nagel-Galerie zur Verfügung zu stellen. Dank ihrer grenzenlosen Geduld, Güte und stoischer Ruhe war es möglich, so manche Hürden und Probleme zu bewältigen, die in der Vorbereitungsphase auftraten. Grażyna Prawda, die Gattin des Botschafters der Republik Polen in Deutschland, übernahm die Schirmherrschaft über die "Identität". Die Mitarbeiterinnen der Kulturabteilung der polnischen Botschaft in Berlin: Frau Botschaftsrätin Małgorzata Ławrowska, Renata Eichert und Dominika Szlosarek halfen mit Rat und Tat bei den Vorbereitungen der Ausstellung. Frau Majewska, der Leiterin der Verwaltungsabteilung der Botschaft, haben wir es zu verdanken, dass am heutigen Abend auch für das leibliche Wohl der Besucherinnen und Besuchern gesorgt wird. Der Club NIKE2001 – Polnische Frauen in Wirtschaft und Kultur war, wie immer in solchen Fällen, mit vollem Engagement und Elan dabei. Besonders möchte ich meinen Clubschwestern: Danuta Kisiel, Celina Muza und Jolanta Biller danken. Danuta entwickelte in einem für sie charakteristischen Blitztempo die Website der Ausstellung und stellte sie ins World Wide Web, Celina und Jolanta kümmerten sich um logistische Angelegenheiten, die viel Zeit und Mühe kosteten.

Sehr geehrte, liebe Mütter des Erfolgs, auch die von mir unerwähnten: vielen herzlichen Dank! Den Vätern, ohne die der heutige Erfolg nicht möglich wäre, gilt ebenfalls meine große Dankbarkeit. Das sind zuallererst die vier Künstler aus Wrocław: Jerzy Kosałka, Przemek Pintal, Krzysztof Wałaszek und der heute leider abwesende Marek Sienkiewicz, die mit ihren Werken die Ausstellung prägen. Herr Dr. Sławomir Tryc, I. Botschaftsrat und Leiter der Abteilung für Kultur, Wissenschaft und Öffentlichkeitsarbeit der polnischen Botschaft, auch er ein Sohn der Stadt Wrocław, setzte sich von Anfang an dafür ein, dass die "Identität" in Berlin gezeigt werden kann. Ohne seine Hilfe und seine wegweisenden Ratschläge wäre es nicht möglich, dieses Vorhaben in so einer kurzen Zeit zu verwirklichen. Nicht verheimlichen möchte ich, dass es eine Zeit – im zurückliegenden Sommer – gab, wo die Ausstellung an der Finanzierbarkeit zu scheitern drohte. Dir, lieber Tim Harrold aus der ostenglischen Stadt Norwich des County Norfolk ist es zu verdanken, dass diese Ausstellung finanziert werden konnte. Als Inhaber der Firma The Edge Charter, die Luxusautos, Yachten, Boote und Flugzeuge chartert, bist du der geeignetste Sponsor einer Kunstschau. Dear Tim, thank you for sponsoring of this wonderful European exhibition! Auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Otto-Nagel-Galerie und den Damen und Herren von der Polnischen Botschaft, die für das Büffet zuständig sind, also allen, die zum Zustandekommen von "Tożsamość/Identity" beigetragen haben, sage ich: Bardzo dziękuję und vielen Dank!

Wrocław, Berlin, Norwich: diese Städte zeugen davon, dass die Ausstellung "Tożsamość/Identity" ein europäisches Projekt ist. Sie wird präsentiert im multiethnischen Berliner Bezirk Wedding, wo Polnisch sprechende Türken, deutschsprechende Polen, Russen, Araber, Afrikaner, Koreaner, Vietnamesen, Mongolen, Brasilianer und noch viele andere Vertreter verschiedener Nationen wohnen. Deshalb wundert man sich hier nicht, wenn man bei einer weißrussischen Änderungsschneiderin russischsprechenden Haitianerinnen begegnet.

Die Ausstellung "Tożsamość/Identity" ist zugleich eine Ausstellung des 21. Jahrhunderts, zustande gekommen mit den Mitteln der modernen Kommunikation. Anfang dieses Jahres fand ich in meiner Mailbox eine E-Mail der Absenderin US[at]zuart.pl mit der Bitte, die Gruppenschau, die wir heute eröffnen, in Berlin zu zeigen. Urszula Śliz, die mir damals schrieb, war mir unbekannt. Nach einigem Zögern ließ ich mich auf dieses Abenteuer ein, überzeugt durch den Ausstellungskatalog, den mir die Künstlerin aus Wrocław als pdf-Datei mailte. Sie war es, die das Projekt "Tożsamość/Identity" 2006 konzipierte und ihre Künstlerkollegen aus Wrocław zur Teilnahme einlud, die unabhängig voneinander an dem Thema der Identität arbeiteten. Die Gruppenschau wurde an einigen Orten in der Stadt an der Oder gezeigt, die Gemeinde Wrocław finanzierte den Katalog. Die Ausstellung, die wir am heutigen Abend in der Otto-Nagel-Galerie eröffnen, ist nicht identisch mit der ersten "Identität". Manche Künstler, darunter die Kuratorin, Krzysztof Wałaszek, Jerzy Kosałka und Marek Sienkiewicz sind, neben den alten, im Katalog abgebildeten Arbeiten, mit neuen Werken vertreten. Die Malerin Renata Bryjanowska konnte an der Berliner Schau nicht teilnehmen, deshalb fehlen ihre Bilder. Das Projekt "Tożsamość/Identity" ist kein statisches Gebilde, es entwickelt und verändert sich, wie alles im Leben, in der Kunst und in der Persönlichkeit eines Menschen.

Mir fehlt die Zeit, um mich hier mit den einzelnen Aspekten der Identität, der Identitätsbildung und ihrer künstlerischen Umsetzung zu befassen. Darüber können Sie im Vorwort zum Ausstellungskatalog, den Agnieszka Kłos geschrieben hat, viel Interessantes und Fundiertes erfahren. Er liegt auf Polnisch, Englisch und Deutsch vor. Was mich an dieser Ausstellung fasziniert, ist, dass sie das alles verkörpert, was ich in der Kunst so gern mag: Die Reduzierung auf das Wesentliche, also eine knappe, minimalistische Form und eine klare inhaltliche Aussage durch die Benutzung einer visuellen Sprache, die allgemein verständlich ist. Es handelt sich vor allem um das Zeichenhafte und Serielle, die in allen hier vertretenen Arbeiten mehr oder weniger zum Ausdruck kommt. Die in der Otto-Nagel-Galerie gezeigten multimedialen Arbeiten: Bilder, Objekte und Installationen bilden einen beeidruckenden Schauraum der Identität, die aus mehreren Identitäten besteht. Sie warnen zugleich vor einer falschen, einer aufgezwungenen Identität. Die Künstler, vor allem Przemek Pintal und Krzysztof Wałaszek, verdeutlichen in ihren Objekten, dass die menschenverachtenden und menschenvernichtenden Ideologien: Nationalsozialismus und Kommunismus in die Rumpelkammer der Geschichte geschickt wurden. Sie legen aber auch zugleich offen, dass sie durch einen neuen "sanften" Totalitarismus, den Konsumismus ersetzt werden, der genauso aggressiv und offensiv agiert, wie die anderen –ismen. Seine Zielgruppe sind die Konsumenten, die die materiellen und geistigen Produkte konsumieren und das Kapital der Produzenten und Dienstleister gedankenlos mehren sollen. Die Arbeiten der beiden Künstler sind ernst und zugleich ironisch. Sie zeigen die Verlogenheit der merkantilen, staatlichen und geistlichen Institutionen: Die Werbung, die staatliche Propaganda und die Kirche werden als Manipulatoren enttarnt.

Marek Sienkiewicz setzt sich mit dem polnischen Patriotismus auseinander. Zu diesem Zweck bedient er sich der Vogelkunde. Er möchte ein Häuschen für jeden polnischen Vogel bauen, bevorzugt in den Nationalfarben weiß-rot, und den Adler, Polens Wappenvogel, zur Rückkehr bewegen. Er führt den von den Politikern vor allem in den letzten zwei Jahren bis zum geht nicht mehr instrumentalisierten Patriotismus ad absurdum fort, indem er eine weiß-rot gestrichene Leiter neben ein Vogelhäuschen stellt, zu dem es keinen Eingang gibt. Auf diese Weise entlarvt er die Polnischtümelei, die heuchlerischen von oben verordneten patriotischen Symbole. Wie und ob man sein Vater- (oder auch Mutterland) lieben solle, dass bleibt jedem, auch noch so schrägen Vogel, selbst überlassen.

Jerzy Kosałkas Werk ist einerseits ein Beitrag zur Diskussion über die deutsche Vergangenheit der Stadt, die bis Mai 1945 Breslau hieß. Über die Genese seines Modells "Die Deutschen waren schon da" sagt er: "Als ich Wrocław in den 1970er Jahren zum ersten Mal besichtigte, traf ich auf eine Stelle, wo einmal Hitler eine Rede hielt. Die von Max Berg entworfene und 1913 gebaute Jahrhunderthalle ist ein Weltkulturdenkmal. Das ist eine der ersten Konstruktionen aus Eisenbeton mit so riesigen Dimensionen. Daneben steht ein Spitzturm (der von der Obrigkeit zum Wahrzeichen der Stadt erklärt wurde). Er wurde 1948 gebaut, mit dem einzigen Ziel, die monumentale Halle (damals Volkshalle) visuell zu dominieren. Diese Aufgaben erhielten die Veranstalter der Ausstellung der 'Wiedergewonnenen Gebiete' von einem Minister, der das Ausstellungsgelände inspizierte und anmerkte, dass der größte Bau auf dieser Ausstellung der 'germanische Topf' sein wird. Die Aufgabe wurde erfüllt, der Spitzturm (100 m Höhe) ist doppelt so hoch wie die Halle (45 m Höhe). An seiner Spitze wurde eine Krone mit acht Spiegeln in Kreisform angebracht (Durchmesser 3 m), die am Eröffnungstag von einem Blitzschlag getroffen und zerstört wurden. War das etwa die Rache germanischer Götter? Ich glaube also, dass dieser Ort auch für Deutsche ein besonderer ist, darüber spricht diese Arbeit und auch davon, dass DIE DEUTSCHEN SCHON DA WAREN, denn das ist die Wahrheit und Kunst ist bekanntlich Wahrheit, was man ja sieht."

Seine ebenfalls hier gezeigte Installation "Die polnische Galle" setzt sich mit dem anderen Thema, das den polnischen Künstler interessiert, auseinander. Es ist der polnische Nationalcharakter, dem selbstloser Neid nachgesagt wird. Die weiß-roten Patrioten sind in Wirklichkeit gelb vor Neid, wenn sie nur vermuten, dass es ihren Nachbarn etwas besser geht, als ihnen selbst. Diese, was man ja sieht, ironische und bittere Installation wird vom "Tagebuch" (Ein Monat aus meinen Leben) in Frage gestellt, der einen glücklichen und zufriedenen Polen, den Künstler Krzysztof Wałaszek zeigt. Durch die Frage "Was soll das alles", stellt der Künstler seine einen Monat dauernde Glückseligkeit selbst in Frage.

Fragen über Fragen, auf die es viele Antworten gibt. Eines ist sicher: Die Ausstellung "Tożsamość/Identity" ist eine Gruppenschau mit Dame. Urszula Śliz bringt also die weibliche Identität ins Bild ein. Um sie anschaulich zu machen, wählt sie eine Form, die sie _log bezeichnet. Sie ist, wie die Künstlerin sagt: "Eine wiederholbare Form, die Veränderungen, lokaler Färbung, der (De)Konstruktion und Formgebung unterliegt. Nicht ohne Bedeutung ist hier jene an eine pflanzliche Signatur anspielende Gestalt, die in ihrer Vorstellung eine ovale Form ist, was ohne Zweifel an die Weichheit des 'weiblichen' Phänotyps anknüpft. Die materielle Identifizierung der Form wird zu meinem Fingerabdruck, denn jeder besitzt und erbaut seine eigene Hybride."

Die Gruppenschau "Tożsamość/Identity" ist die letzte Ausstellung in der Otto-Nagel-Galerie in der Seestraße 49 in Wedding. Nach dem 20. Dezember 2007 wird es diesen hellen, an- und aufregenden Ort in einem Bezirk, den die Stadtoberen gern als sozialen Brennpunkt bezeichnen, nicht mehr geben. Hoffentlich bleiben die Spuren, die die heutige und die anderen hier gezeigten Ausstellungen hinterlassen haben, noch lange, wenn auch nur in unserer Erinnerung und im "Archiv" der Galerieleiterin erhalten. Dziękuję bardzo, vielen Dank, Tanja Hofmann!

Text © Urszula Usakowska-Wolff